Problemverhalten „reparieren“?

Eine Frage der Perspektive

Jeder von uns kennt das: Irgendein Verhalten unseres Hundes stört uns mehr oder weniger massiv. Wir beginnen zu überlegen und Rat einzuholen, wie wir diesem Problem mit Training begegnen können, natürlich mit möglichst viel positiver Verstärkung, Belohnung, Umlenkung, schrittweiser Gewöhnung oder was auch immer. So weit, so gut und richtig. Aber: Haben wir uns zuvor ehrlich gefragt, warum der Hund dieses oder jenes tut? Möchte er uns damit vielleicht irgendetwas sagen? Ist es Ausdruck dafür, dass eines seiner Bedürfnisse vielleicht nicht erfüllt wird? Unsere Perspektive macht den Unterschied: Den Hund wahr- und ernstnehmen und mit ihm gemeinsam eine Lösung finden, anstatt ihn einseitig zu „bearbeiten“. Ziemlich sicher wird der Hund die geänderte Absicht spüren und entsprechend honorieren! Dazu ein kleiner Auszug aus dem empfehlenswerten Buch „Hundsein heute“ der Bio-Ethikerin Jessica Pierce:

„Wenn etwas schiefläuft, fragen wir uns vielleicht zuerst: „Was stimmt nicht mit meinem Hund?“ Wir empfinden möglicherweise Frustration und vielleicht sogar Wut auf unsere Hunde, weil sie ein Problem verursacht haben und verfolgen einen einseitigen Ansatz zur Lösung des Problems: den Hund „reparieren“. Ein weitaus produktiverer Ansatz besteht jedoch darin, das Gesamtbild zu betrachten und herauszufinden, was der Hund uns mitteilen möchte, welche Bedürfnisse er zu befriedigen versucht oder welche Herausforderungen er zu bewältigen hat, welche Erwartungen Sie mitbringen und wie Sie und Ihr Hund dann einen Kompromiss finden können. Wir können auf Reibereien im Geiste der Zusammenarbeit reagieren – wir und unsere Hunde können gemeinsam an der Lösung von Meinungsverschiedenheiten oder widersprüchlichen Bedürfnissen arbeiten. Wir und unsere Hunde müssen zu dem kommen, was die Verhaltenstherapeutin Karen Overall „Verhandlungslösungen“ nennt. Nun könnten Sie vielleicht einwenden, dass doch wir Menschen die Problemlöser sind.
Wenn unser Hund ein problematisches Verhalten zeigt, sollen wir das Training verstärken oder unseren Hund zu einem Verhaltensspezialisten bringen. Training wird in der Tat oft als etwas verstanden, das wir aktiv an unserem Hund tun – die Informationen fließen in eine Richtung. Wenn wir aber lernen, in einem gemeinsamen Raum zusammenzuleben– insbesondere in einem Raum, der den Bedürfnissen unseres Hundes vielleicht weniger entgegenkommt als unseren eigenen –, müssen wir mit unserem Hund zusammenarbeiten, um Probleme und Missverständnisse zu erkennen und zu lösen. Der erste Schritt auf dem Weg zu einer gemeinsam erarbeiteten Lösung besteht also darin, zu erkennen, dass wir an einer Teamarbeit beteiligt sind.“

Aus: Jessica Pierce, Hundsein heute – Plädoyer für ein gutes Leben, S.32/33.

Foto: Sandra-stock.adobe.com

 


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