Er braucht Hilfe, keine Korrektur

Hinter vermeintlichem Ungehorsam steckt selten Trotz. Oft braucht ein Hund keine Korrektur, sondern Orientierung, Sicherheit und Hilfe.

29. Juli 2026 | Verhalten - Training - Beschäftigung

Im traditionellen Hundetraining wurde der Begriff „Korrektur“ verwendet, um die Anwendung einer aversiven Maßnahme zu bezeichnen – das konnte ein Ruck an einem Würgehalsband, ein Schnauzengriff, ein strenges „Nein!“ oder eine andere aversive Erfahrung sein. Die Korrektur war ein Euphemismus für Strafe, was nicht mit dem Umlenken auf ein Alternativverhalten verwechselt werden sollte. Dies bedeutet, dass man die Konzentration oder das Verhalten eines Hundes von einer Sache auf eine andere lenkt – wenn Ihr Hund zum Beispiel einen Schuh hat und Sie ihm stattdessen einen Kauartikel anbieten, mit dem er sich beschäftigen kann. Es stört mich, wenn ich sehe, dass Menschen ihre Hunde mit Negativität trainieren, egal wie mild die aversive Maßnahme auch sein mag. Wenn Menschen wütend oder frustriert werden, weil ein Hund nicht das gemacht hat, was sie wollten, dann ist das selten bis nie darauf zurückzuführen, dass der Hund einfach stur war und sich geweigert hat, das Richtige zu tun. Allzu oft war der Hund nicht in der Lage, zu folgen, weil er nicht wusste, was von ihm erwartet wird. In dem Fall erhöht eine Strafe nicht die Wahrscheinlichkeit, dass er es in der Zukunft richtig machen wird.

Es tut mir im Herzen weh, wenn ich sehe, wie jemand einen Hund bestraft, der ehrlich verwirrt ist, aber leider sieht man das nur allzu häufig. Mein Herz tut deshalb weh, weil es der besagten Person etwas zurufen möchte, weil es verzweifelt versucht, die folgende Botschaft von mir an den anderen Hundehalter zu übermitteln: „Ich weiß, dass Sie verärgert sind – aber könnten Sie bitte, bitte sehen, dass Ihr Hund keine Korrektur braucht? Ihr Hund braucht Hilfe.“ Es kann tragische Folgen haben, wenn man das beim Hundetraining nicht erkennt.

Versuchen Sie einmal, es aus der Sicht eines Hundes zu sehen. Hunde wissen oft, dass ein Verhalten von ihnen verlangt wird, aber sie wissen nicht, welches. Stellen Sie sich vor, jemand befiehlt Ihnen: „Rospotadspu, flubberall! Rospotadspu, flubberall!“ Und Sie merken, wie die Person immer frustrierter und sogar zornig wird. Das wäre für uns Menschen genauso unverständlich, wie viele Signale es für Hunde sind. Wenn der Hund versucht, zu raten und dabei falsch liegt (er hat ja auch nur geraten!), dann wird er mit strengen Worten, Empörung, Entrüstung und manchmal sogar mit einer körperlichen Strafe gezüchtigt. Es gibt Hunde, die so etwas ständig aushalten müssen und dabei ist die Strafe nicht nur nicht hilfreich, sondern möglicherweise schädlich. Ein bisschen Unterstützung könnte so viel bewirken, aber leider wird dieser Weg zu selten beschritten.

Das Ergebnis ist ein verängstigter, verwirrter und verunsicherter Hund, der sich zusätzlich davor fürchtet, Fehler zu machen. Manchmal wirken Hunde in dieser Situation „wohlerzogen“, aber in Wirklichkeit machen sie gar nichts. Der Grund, warum sie nichts anstellen, ist, dass sie praktisch katatonisch sind, also angststarr. Es hat nichts damit zu tun, dass sie folgsam sind. Solche Hunde zeigen deshalb kein Fehlverhalten, weil sie genau genommen so gut wie überhaupt kein Verhalten zeigen – womit ich meine, dass sie gar nichts machen.

 

Dieser Auszug stammt aus dem Buch „Andere Spezies, gleiches Prinzip“ von Karen B. London.


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