Kein Platz für Gewalt
Wenn Training Hunden Angst macht

| Gekürzter Auzug des Beitrags von Cassandra Schiller, Autorin des Buchs „Kein Platz für Gewalt“, aus dem Magazin „Sitz Platz Fuß“. |
Cassandra Schiller erklärt, warum jede Form von positiver Strafe im Hundetraining gleichzusetzen ist mit Gewalt und warum es schlicht keine sinnvolle Rechtfertigung für ihren Einsatz gibt.
Bis in die 1980er Jahre hinein war es durchaus üblich Babys und Kleinkinder ohne den Einsatz schmerzstillender Mittel zu operieren. Weshalb? Man nahm an, dass das Nervensystem in diesem Alter noch keinen Schmerz empfinden könne. Gruselig oder?
Aus derselben oder zumindest nah angrenzenden Zeit stammen eine Menge der Erkenntnisse zu Hunden, auf deren Basis noch heute die verschiedensten aversiven „Trainingsmethoden“ Anwendung finden. Das gilt auch für diverse Fachliteratur, die zu ihrer Zeit spektakulär gewesen sein mag, heute aber zwingend in einem historischen Kontext betrachtet werden muss, wie es Christoph Siegenthaler vom Treuhundbüro vor einiger Zeit so treffend formulierte.
Doch ebenso, wie wir mittlerweile wissen, dass auch das Nervensystem von Babys und Kleinkindern Schmerz empfinden kann, wissen wir heute eine ganze Menge Dinge über Hunde, die uns damals noch nicht zugänglich waren. Und während bei dem ersten Fakt kaum jemand eine Diskussion darüber beginnen würde, wieviel Relevanz das Wissen der Gegenwart hat, müssen wir um das Wohlergehen von Hunden noch immer täglich kämpfen. Weshalb eigentlich?
Wissenschaft und Ethik:
Der Umgang mit Hunden ist nie neutral. Er spiegelt (in Teilen) unser Wertesystem wider und kann durchaus etwas über unsere Einstellung zu Dingen wie Verantwortung, Beziehungsgestaltung, Macht(missbrauch) und Kontrolle verraten. Wie wir mit Hunden umgehen, zeichnet sich durchaus auch in anderen Bereichen unseres Lebens ab, vor allem dort, wo wir uns in sozialen Kontexten bewegen.
Im Hundetraining treffen überholte Vorstellungen, emotionale Projektionen und wissenschaftliche Verleugnung dann aber häufig so ungebremst aufeinander, wie in kaum einem anderen Lebensbereich. [...]
Überholte Dominanzmodelle:
Ein zentraler Wendepunkt im Umgang mit Hunden und somit auch in der Entwicklung des Hundetrainings war die Abkehr von hierarchischen Dominanzmodellen. Die Annahme, Hunde strebten nach Rangordnung oder müssten in eine soziale Hierarchie „eingewiesen“ werden, geht auf Wolfsbeobachtungen in Gefangenschaft zurück, die längst als methodisch fehlerhaft gelten. Langzeitstudien an freilebenden Wölfen zeigten, dass soziale Gruppen keine Machtpyramiden, sondern Familienverbände sind, die kooperativ zusammenarbeiten und -leben. Beobachtungen freilebender Hundegruppen zeigten ebenfalls, dass diese kooperativ zusammenleben, nicht in dominanzabhängigen Sozialhierarchien. [...]
Bindung und Sicherheit:
Diese Erkenntnisse haben weitreichende Konsequenzen. Wenn wir davon ausgehen, dass eine verlässliche Bindung und Sicherheit zentrale Bedürfnisse von Hunden sind und ihre Erfüllung somit eine Voraussetzung für (effizientes) Lernen ist, dann verliert jedes Trainingsmodell an Legitimität, das auf Angst, Bedrohung oder Kontrollverlust basiert. Dennoch werden aversive Methoden weiterhin eingesetzt und häufig verharmlost. [...]
Gewalt – eine Begriffsbestimmung:
Eine sachliche Auseinandersetzung mit Gewalt im Hundetraining setzt also eine fachlich präzise und funktionale Begriffsbestimmung voraus. Eine Reduktion auf körperlichen Schmerz oder grobe physische Einwirkung ist hierbei weder wissenschaftlich haltbar noch geeignet, die tatsächlichen Wirkmechanismen zu erfassen, über die Verhalten beim Hund beeinflusst wird. Sie verkennt zentrale Erkenntnisse aus der Verhaltensbiologie, der Stressforschung und der Lernpsychologie und trägt maßgeblich dazu bei, dass gewaltvolle Praktiken im Alltag fortbestehen, ohne als solche benannt zu werden.
Aus fachlicher Perspektive ist Gewalt auch keine Frage der Intensität, sondern der Funktion und des Erlebens.
Entscheidend ist demnach nicht, wie eine Einwirkung vom Menschen beschrieben wird oder gemeint ist, sondern ausschließlich die Emotion, über disese Wirkung entfaltet. [...]
Wirkung statt Absicht im Fokus:
Diese funktionale Definition von Gewalt deckt sich nicht nur mit der Mehrzahl der im Humanbereich in juristischen Kontexten verwendeten Definitionen, sondern löst den Begriff auch bewusst von moralischen Zuschreibungen und emotionalen Bewertungen, da sie keine Absicht, sondern eine Wirkung beschreibt. Gewalt ist somit nicht zwingend das, was Menschen als solche empfinden oder bezeichnen, sondern das, was im Organismus des Hundes als solche wahrgenommen wird (unabhängig davon, ob sie vom Hund als solche benannt werden kann). Sie ist damit unabhängig von Motivation, Rechtfertigung oder subjektivem Empfinden der handelnden Person. [...]
Aus dieser Perspektive lässt sich Gewalt im Hundetraining in mehrere Formen unterteilen:
Physische Gewalt umfasst direkte körperliche Einwirkungen, die auf die Unterdrückung oder „Korrektur“ von Verhalten abzielen. [...]
Psychische oder emotionale Gewalt wirkt über Einschüchterung, Bedrohung oder die gezielte Erzeugung von Unsicherheit und emotionalem Druck. [...]
Die strukturelle (oder systemische) Gewalt wird im Alltag besonders häufig übersehen und ist gesellschaftlich stark normalisiert. Sie entsteht überall dort, wo dem Hund systematisch Wahlmöglichkeiten genommen werden und er einen Kontrollverlust erlebt [...]
Final eine der unsichtbarsten und für ein soziales Säugetier wie den Hund mitunter am schwersten zu ertragenden Gewaltformen: die soziale Gewalt. Das Sicherheitsgefühl von Hunden entsteht, ebenso wie ihr emotionales Gleichgewicht, im Kontext des sozialen Gefüges, in dem sie leben. Ihre menschliche Bezugsperson ist hierbei ein zentraler Faktor. Wird die Bindung zu dieser gezielt als Mittel zur Verhaltenssteuerung eingesetzt, [...] greift dies tief in die emotionale Stabilität des Hundes ein. [...]
Positive Strafe als Gewaltinstrument:
Vor diesem Hintergrund lässt sich der Einsatz positiver Strafe im Hundetraining fachlich eindeutig einordnen. In der Lerntheorie bezeichnet positive Strafe das Hinzufügen eines aversiven Reizes mit dem Ziel, die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens zu senken. Entscheidend ist dabei nicht die Art des Reizes, sondern seine Wirkung: Der Reiz muss für den Hund unangenehm, bedrohlich oder stressauslösend sein, damit er verhaltenshemmend wirkt. Genau hierin liegt die strukturelle Übereinstimmung von positiver Strafe und Gewalt. [...]
Typische Rechtfertigungen positiver Strafe:
Die anhaltende Verwendung positiver Strafe im Hundetraining wird selten offen als Gewalt benannt. Stattdessen stützt sie sich auf eine Reihe wiederkehrender Argumentationsmuster, die schon bei geringfügig genauerer Betrachtung weder lerntheoretisch noch verhaltensbiologisch haltbar sind. [...]
Wir schauen uns hierzu einige populäre Beispiele an:
„Strafe ist nur Kommunikation und wird vom Hund nicht emotional bewertet.“
Diese Annahme widerspricht grundlegenden Erkenntnissen der Neurobiologie. Hunde verarbeiten Reize nicht abstrakt oder symbolisch, sondern affektiv. [...]
„Positive Strafe ist notwendig um gefährliches Verhalten schnell zu unterbinden.“
Diese Argumentation vermischt fast immer akute Gefahrenabwehr mit Training. In einer Notfallsituation kann es erforderlich sein, Verhalten unmittelbar zu unterbrechen, um Schaden abzuwenden. Daraus lässt sich jedoch keine Legitimation für den systematischen Einsatz positiver Strafe im Training ableiten. Gefahrenabwehr ist kein Lernprozess. [...]
„Positive Strafe ist nur problematisch, wenn sie zu oft eingesetzt wird.“
Diese Behauptung missachtet den Mechanismus, der dahintersteht. Lernen erfolgt nicht nur durch direkte Erfahrung, sondern auch durch Erwartung. Bereits die Möglichkeit einer Strafe kann Verhalten hemmen, denn der Hund agiert nicht nur im Ereignis selbst, sondern bereits aus der Erwartung möglicher Konsequenzen heraus. [...]
„Positive Verstärkung funktioniert nicht bei allen Hunden, manche brauchen auch Strafe.“
Diese Behauptung verschiebt nun die Verantwortung vom Trainingsansatz auf das die Strafe erleidende Individuum. Sie ignoriert, dass Lernfähigkeit kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern eine Zustandsvariable ist. Hunde lernen unter Stress, Angst und Unsicherheit schlechter, nicht besser. [...]
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die gängigen Rechtfertigungen positiver Strafe auf Fehlbehauptungen beruhen. Sie verwechseln Wirkung mit Lernerfolg, verkennen die Bedeutung emotionaler Prozesse und ignorieren die strukturellen Bedingungen des Mensch-Hund-Verhältnisses.
Positive Strafe ist kein neutrales Werkzeug, das bei richtiger Anwendung unproblematisch wäre. Sie ist Gewaltanwendung, deren Nebenwirkungen systematisch ausgeblendet werden, um ihre Fortsetzung zu legitimieren.
Eine konsequent wissenschaftliche und fachliche Perspektive lässt hier jedoch keinen Interpretationsspielraum: Wo positive Strafe gezielt eingesetzt wird, wird Gewalt angewendet. [...]
Den kompletten Beitrag aus dem Magazin „Sitz Platz Fuß“ (Ausgabe Juli 2026) finden Sie hier.
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